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Mit Teamgeist durch die Krise, aber wie lange?

Eine Kolumne von Berliner Zinner featuring Mehlhose 

Was für Berliner normal ist, ist für Touristen eine Attraktion. Das wurde mir vergangene Weihnachten mal wieder bildlich vor Augen geführt. Wir hatten die ganze Familie bei uns. Es war schön, emotional – und anstrengend. Bei knapp 20 Leuten in einer Wohnung muss Mann einfach mal an die frische Luft. Also, wohin? Zwei meiner Brüder und mein Neffe (volljährig) wollten gerne einen Whiskey trinken. Ob ich denn einen Laden kenne, wo das in gepflegter Atmosphäre möglich sei. Klar, den kannte ich.

Fünf Minuten Fußmarsch und wir waren im Galander am Stutti. Ich mag den Laden und fühle mich dort wohl, aber die Reaktion meiner Verwandten hat mich doch überrascht. Das klassische Ambiente, die fachkundige Bedienung und das erlesene Whiskey-Angebot brachten ihre Augen zum Glänzen. Dazu die Musik: Es lief „Irish Tour ’74“ von Rory Gallagher, ein Album, das meinen Bruder richtig nostalgisch machte. – Ich war der Held des Abends!

Trinkkultur als Unternehmenskonzept

Die Anekdote dürfte Dominik Galander, dem Betreiber der drei Bars in Berlin, gefallen. (Neben dem Laden am Stutti gibt es noch die Galander Bar in Kreuzberg und die Galander Haifischbar im Bergmannkiez.) Er will seinen Gästen gepflegte Trinkkultur, das heißt ausgewählte Getränke und erstklassigen Service in gemütlicher Atmosphäre, bieten. „Es ist unsere Mission, jedem Gast einen tollen Abend zu bereiten und ihm oder ihr zusätzlich ein kleines Zuhause-Gefühl zu vermitteln“, heißt es auf Nachfrage bei der Galander GmbH. „Wer sich ein wenig intensiver mit seiner Lieblingsspirituose auseinandersetzen möchte, ist bei uns genau richtig.“ Bei unserer kleinen Whiskey-Liebhaber-Gruppe traf dieses Konzept voll ins Schwarze.

Zwischen Kreativschub und Existenzangst

Die Corona-Krise und die damit verbundenen Zwangsschließungen machen Abende wie diesen leider erst einmal unmöglich. Schade für uns Gäste, aber umso schlimmer für das Galander und seine Mitarbeiter, die auf Zuschläge und Trinkgeld angewiesen sind. Dieses Zusatzeinkommen fällt in der nahen Zukunft erst einmal weg. Hinzu kommt die Kurzarbeit. Die Stimmung im Betrieb sei aber noch gut, sagt uns Galander. „Jeder macht sich Gedanken, wie die Lage verbessert werden kann.“

Eine Idee, die bereits umgesetzt wurde, ist die Einrichtung eines Abhol- und Lieferservices für Cocktails. Seit dem 9. April können Gäste von Donnerstag bis Samstag zwischen 16 Uhr und 21 Uhr ihre Lieblingscocktails vorbestellen und abholen. „Diese Ideen halten die Stimmung hoch und stärken den Teamgeist, ändern aber nichts an der Tatsache, dass die Krise unsere Firma mit unmittelbarer Härte trifft“, erklärt Galander. „Wir haben mehr als zehn Mitarbeiter und bekommen daher keine staatliche Unterstützung. Kredite verlagern lediglich das Problem – im schlimmsten Fall führen sie zu einem Tod auf Raten.“

Auch das Galander hat sich bei Helfen.Berlin registriert. Ihr habt die Möglichkeit, eure Lieblingsbar mit einem Gutschein zu unterstützen. Jetzt helfen!
Der Podcast „Berliner Zinner featuring Mehlhose“ unterstützt Helfen.Berlin mit einer Interview-Serie, in der die Betroffenen zu Wort kommen. Ziel ist es ein Bewusstsein für die Probleme von Gastronomen, Einzelhändlern und Kleinunternehmern zu schaffen. Alle Interviews der Serie befinden sich auf der Webseite.